80 % Trocken
Mein Sohn ist im Großen und Ganzen Trocken. Sehr selten muss ich ihn noch wickeln: nur beim Autofahren oder zum Schlafen. Er ist daran gewöhnt, bescheid zu sagen, wenn er mal muss. Aber dann muss es sehr schnell gehen.
Gestern, nachdem wir in den Kaufladen hineingegangen waren, musste er gleich Pipi machen. Draussen es nieselte und mein Baby war im Tragetuch vor meinem Bauch. Es sah so aus, als ob Pipi machen eine unlösbare Aufgabe sei. Ich musste nämlich meinem Sohn seine Regenjacke und Regenhose vom Leib reissen und beim Pipi helfen, noch bevor alles in die Hose gehen konnte. Ich kam unwillig aus dem Laden aus, aber ich konnte mich nur über mich selbst ärgern: warum habe ich ihn nicht schon zu Hause Pipi machen lassen? (Weil er vorsorglich auf die Toilette gehen nicht gewillt ist.) Da kam mir eine Idee... Vor dem Laden stand ein Baum, daneben eine Mülltonne und ein Tümpel. Dort werden wir Pipi machen.
Ich gehe in die Hocke, schäle meinen Sohn aus den Kleidern, "Rannte noch nicht hinein?", er pinkelt. Wir sind über den Berg - anscheinend. Aber ihn anzuziehen ist noch mühsamer. Ich stehe einige Minute auf, ich überlege was zu tun ist: entweder gleich in den Laden gehen, um ihn dort anzuziehen, oder im Regen bleiben. Er kann doch nicht laufen, die Regenhose ist an seinen Fußgelenken, und ich kann auch nicht mehr lange hier hocken mit Baby vor dem Bauch. Plötzlich kommt eine alte Frau, sicher ist sie über 60, sie wirft ihren Regenschirm in die Tonne, hockt sich zu und begann mit beiden Händen meinen Sohn anzuziehen. Er ist zack-zack fertig. Ich sage danke, sie nimmt den Regenschirm aus der Tonne, und wie Mary Poppins fliegt sie dahin.